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und jetzt auch im VLB verzeichnet:
https://buchhandel.de/buch/Kafka-faehrt-an-die-Nordsee-9783695177486

Vor 125 Jahren reist ein junger Mann nach dem Abitur allein von Prag an die deutsche Nordseeküste – nach Helgoland und Norderney. Er wird K. genannt. Nach einigen Tagen stößt sein Onkel zu ihm, und gemeinsam verbringen sie mehrere Wochen auf den Inseln.
K. wandert, schwimmt, reitet, liegt in der Sonne, liest, flirtet, verliebt sich. Tagsüber schreibt er Briefe und Postkarten, nachts hält er seine Erlebnisse und Reflexionen in einem schwarzen Notizheft fest.
Viele Jahre später folgt der Autor seinen Spuren: Er fährt mit der Eisenbahn die gleichen Strecken, besucht die gleichen Inseln – und stößt auf Norderney beim Stadtarchivar auf eine Räuberpistole in der wiederum ein schwarzes Notizheft eine entscheidende Rolle spielt.
Ein Roman über Reisen, Erinnerung und die leise Annäherung an Franz Kafka.

Am 2.3.2026 erscheint mein erster Roman. Anlässlich des Erscheinens findet am 2.3.2026 im Café Krokus in der Parkstr. 7a in Braunschweig ab 18 Uhr eine Release-Party statt.
Es gibt von F.C. Delius das Buch „Der Held und sein Wetter“, sein Dissertation in welcher er die Funktion des Wetters im poetischen Realismus untersucht. In der Zuspitzung dramatischer Situationen voller Tragik braucht es immer Regen und die Hollywoodfilme haben dieses Stilmittel aufgegriffen.
Wie wirkt es sich auf die Kunstbetrachtung aus, wenn man vom Regen getrieben auf der Biennale von Pavillon zu Pavillon läuft, die Außentemperatur auf 8°C gesunken ist und durch die Gebäude der Wind pfeift. Und das Glück, wenn man einen geheizten Ausstellungsraum betritt, sofort gefallen mir die Bilder und ich verweile, genauer betrachtend und mich aufwärmend. So geschehen beim Äthiopischen Pavillon im Palazzo Bollani. Dort werden Arbeiten von Tesfaye Urgessa gezeigt, die mich ob der Umstände ihrer Betrachtung und der Qualität der Malerei überzeugt haben.









Tesfaye Urgessa wurde 1983 in Adddis Abeba geboren, studierte zunächst an der Kunsthochschule in Addis Abeba bei Tadesse Mesfin und danach in Stuttgart an der Staatlichen Akademie der Künste bei Cordula Güdemann. Das Bilder zeigen die Einflüsse äthiopischer Ikonographie und neoexpressionistischer Malweise. Dargestellte Personen blicken den Betrachter meist frontal an, ziehen ihn so in das Bild. Die Raumperspektive wird aufgebrochen, häusliche Szenen, ein Tisch, eine schreibende Figur, ein Kind wird präsentiert, Körper sind verschlungen, auffallend oft sind nackte Füße und auch Beine zu sehen, das ganze in gebrochenen Farben mit einigen auffälligen Farbakzenten. Was deutlich zu sehen ist, Urgessa überarbeitet seine Bilder immer wieder, die verschiedenen Farbschichten sind gut zu erkennen, mal sind es Details, mal ganze Flächen, die neu bearbeitet wurden. Es lohnt sich immer wieder Details in Blick zu nehmen, sie geben manchmal direkt den Hinweis zur Interpretation der Arbeiten, die schreibende Hand im mittleren Bild wird so zum Movens der gesamten Bilderzählung, um nur ein Beispiel zu geben.
Vertraut mit dem Phänomen der Wolfsstunde als jemand der gerne mal zwischen 3 und 4 Uhr in der früh aufwacht und nur schwer in den Schlaf findet, war ich auf die Arbeit von Edith Karlson im Estnischen Pavillon gespannt, „Hora Lupi“ in der Chiesa di Santa Maria delle Penitenti am nördlichen Ende von Cannaregio gelegen, neugierig. Die Fahrt vom Lido zur Station Tre Archi begann dramatisch, ein tiefschwarze Wolken zogen vom Festland heran, auf der Höhe von San Michele erleuchteten Blitze den Himmel und ein stürmischer Wind ließ das Vaporetto in schaumbekrönten Wellen arg schaukeln. Dann die wenigen Meter vom Anleger in die Kirche.

Aus dem Regen ins Halbdunkel der Kirche gelangt, stoße ich auf drei Riesen, die nicht nur eine Schlange oder ein Meeresungeheuer erschlagen wollen, sondern auch mich fast in den Kanal zu werfen drohen. Ich schaue mich um, zuerst fallen zahlreiche Kraniche ins Auge, die auf dem Boden stehen, auf Simsen hocken, der Kranich als Symbol schlafloser Wachsamkeit und auf dem Altar zu Füßen des gekreuzigten Jesus winden sich die Schlangen.

Das ganze findet in der verfallenen Kirche seinen Platz, Installation der Künstlerin und der verfallene Ort mit herabgefallenem Putz und einem Loch im Boden, in dem das Wasser des Kanals schmatzt. Und draußen regnet es immer heftiger, das Auge hat sich an das Dunkel angepasst und findet immer neue Details, seien es kleine Nester mit zerbrochenen Schalen von Vogeleiern, in einer Abseite hängt eine Schlangenhaut, in der Sakristei deren ehemalige Holzverkleidung sich achtlos an einer Wand aufgehäuft findet, stehen drei traurige weibliche Gestalten vor einem Schrank, der einst vielleicht Hostien und Messwein beherbergte und nun bizarre Schädelfragmente aus Keramik zeigt.


Nebenan eine kleiner schmaler Raum mit einem winzigen Bett an dessen Fußende ein Körbchen mit einem Hund aus Keramik, das Bett verlassen vom Schlaflosen und dann trifft dieser im nächsten Raum auf eine zweiköpfige Tiergestalt mit leuchtenden Augen.

Ich wandere weiter und wäre es nicht in diesem Kontext, so würde ich an Kitsch denken, drei Meerjungfrauen mit Echsenköpfen räkeln sich nahe des Lochs im Boden, in den Ecken des Raums getrockneter Seetang, als ob die Damen durch das Loch aus dem Kanal hereingespült worden wären.

Draußen regnet es noch immer, so mache ich eine weitere Runde durch die Räume der Kirche. Da ist noch ein Raum, fast dunkel und nur von wenigen Kerzen erleuchtet. Er ist über und über mit aus Lehm geformten Gesichtern bedeckt, die sich kaum erkennen lassen, auf Nachfrage erfahre ich, dass diese von der Künstlerin mit Besuchern in ihrem Atelier aus Ton geformt wurden, Selbstporträts der besonderen Art. Dieser dunkleste Raum ist gleichsam aber auch der wärmste und zuversichtlichste, ich zeige, wie ich mich sehe und versuche dies in eine Form umzusetzen. Und diese vielen unterschiedlichen Formen unterschiedlicher Gesichter bilden eine gmeinsame Form, werden sozusagen eins ohne ihre Individualität zu verlieren.

Während ich nun schon mit gewisser Ungeduld die Kraniche beobachte, nehme ich den Geruch von Weihrauch wahr, ich kann nicht sagen ob mir die Phantasie einen Streich spielt oder nicht.



Als ein Sonnenstrahl durch die geöffnete Tür hereindringt, verlasse ich die Kirche, das helle Licht vertreibt die Dämonen des Orts und über einige Pfützen springend verlasse ich rasch Cannaregio und es geht weiter zu Rialto, zum Pavillon von Osttimor. Darüber bald mehr.


Nachdem beim ersten Besuch im April der bulgarische Pavillon zur Mittagsstunde geschlossen war, galt es sich erneut durch die Massen bei der Rialtobrücke zur Spazio Ravà durchzukämpfen. Und es hat sich durchaus gelohnt. Zu entdecken gab es ein Installation von Michail Michailov, die ausgehend von den Räumen und ihrem Interieur diese sozusagen spiegelte und transformierte und so eine raumfüllende Bühne für den Staub schaffte („Dust to Dust“), für den gleiche neben dem Eingang Besen und Bürsten bereitstanden. Der Staub entpuppte sich bei näherer Betrachtung als feinste Zeichnung dessselben.


Auf dem obigen Bild steckt der Künstler seinen Kopf von draußen nach drinnen, auf dem unteren wartet die Öffnung auf meinen Kopf.
Es ist Dunkel und es riecht nach Erde, Feuchtigkeit, Verwesung, Schimmel. Und es ist grün verwachsen, überwuchert, als ob Rankpflanzen einen greifen wollen. Im April war der Raum im Arsenale noch recht unbewachsen, vereinzelte Pflanzen von denen man denken musste, dass sie zum Ende der Biennale verdorrt auf dem Boden liegen würden. Erdskulpturen die sich in Staub auflösen würden.

Doch Ende Oktober wuchern Ranken, die Erde und die Figuren aus Wolle und Erde sind verschwunden. Die Natur erobert sich den Raum, die Wege durch diesen sind fast zugewachsen.


Ein Kunstgarten, der zu Beginn noch von Schmetterlingen bevölkert war, überwuchert mit einer Pflanze, die als invasive Art gilt. Symbol einer Natur, die sich nicht beherrschen lässt und die jeden Eingriff ins Ökosystem zu strafen scheint. Für Okoyomon ist Natur untrennbar mit den historischen Spuren von Kolonisation und Versklavung verbunden. Die Rankpflanze „Kudzu“, die aus Ostasien nach Nordamerika eingeschleppt wurde um die Bodenerosion durch den Baumwollanbau zu begrenzen, ließ sich in diesem Sinne nicht beherrschen und verbreitete invasiv.
Hatte ich doch im April in den Giardini aus irgendwelchen Gründen den Ungarischen Pavillon ausgelassen, so umrundete ich diesmal den markanten Bau aus dem Jahr 1909 und fand hinein.

Im Innenhof öffnet sich der obige Eingang zu einem durch Eisenketten verbundenen Skulpturenpark der ungarischen Künstlerin Zsófia Keresztes, Skulpturen aus Mosaiksteinen die in organischen Formen erotisch sexuelle Assoziationen hervorrufen. Diese Assoziationen sind nicht geschlechtsspezifisch, sondern eine Suche nach Identität. Die Künstlerin bezieht sich dabei auf Schopenhauers Stachelschwein Dilemma, so wie ein Stachelschwein als soziales Wesen die Nähe eines anderen sucht, so besteht in der Nähe aber immer auch die Gefahr von Verletzungen durch die Stacheln des anderen. Ein anderer Auslöser für die Arbeit war der Roman „Reise im Mondlicht“ von Antal Szerb aus dem Jahr 1937.
In dem Buch geht es um den jungen Mihaly, der seine, dem eigenen Freund zuvor ausgespannte, frischgebackene Ehefrau bereits in den Flitterwochen verlässt. Als Mihaly in Venedig ankommt, macht er sich allein auf, die Mosaiken von Ravenna zu entdecken, in der Hoffnung, Erinnerungen an seine Kindheit zu wecken. Das Stachelschwein-Dilemma passt perfekt zur Geschichte des Romans: Die Relikte vergangener Kulturen lassen den Protagonisten erkennen, dass Individuen ihre Identität nicht nur aus ihrer eigenen sozialen und kulturellen Sozialisation beziehen, sondern dass die eigene Präsenz zwangsläufig auf den Fragmenten der Vergangenheit aufbaut. Diese Ausstellung paraphrasiert nicht den Roman, sondern verwendet als poetische Analogie die mystische Erfahrung des Protagonisten, die Mosaike zu sehen, insbesondere jenen Moment, in dem sein Sinn für Ganzheit erschüttert und sein zuvor unangefochtenes Weltbild in Frage gestellt wird. Durch das Leiden an Zweifel wächst eine Person in die Lage, sich ihrem sich ständig verändernden Selbst zu stellen. Die Ausstellung in vier größeren Einheiten untersucht sowohl die ambivalente Beziehung zwischen Vergangenheit/Gegenwart und Zukunft als auch die Stadien, in denen Menschen ihre eigene Identität ausarbeiten. In der gegenseitigen Reflexion befreit von den Lasten gemeinsamer und individueller Erfahrungen, versuchen die aufeinander verwiesenen Körperfragmente – getrennt und doch als eine Gemeinschaft existierend – ihre endgültige Form zu erreichen.












Die Gebilde scheinen zum einen eine eigenständige skulpturale Qualität zu haben und sind doch auch ein Ensemble, eine Installation die als ganzes funktionieren soll. Dabei sind die Ketten ein zentrales Element, sie verbinden und fesseln und führen den Betrachter gleichermaßen durch die Arbeit.