„Steh auf von dem Sitz, Verlaß dieses Land, Zieh wieder davon, Bevor Du länger, als not ist, Uns die Stätte befleckst.“

Mit diesen Worten will der Chor in dem Sophoklischen Drama „Ödipus auf Kolonos“ den blinden Ödipus aus dem Land weisen. Der blinde Ödipus, der gestützt auf seine Tochter, die auch seine Schwester ist, vor den Toren Athens auf den Hügel Kolonos kommt, um dort den Tod und damit Erlösung und Erfüllung seines Schicksals zu finden.

Für den Griechischen Pavillon auf der diesjährigen Biennale hat Loukia Alavanou einen
17 Minütigen VR Film geschaffen der das über 2400 Jahre alte Drama des Sophokles in die heutige Zeit überträgt. Im Dunkel des Pavillons wird der Betrachter auf speziell entworfenen Sitzen platziert, fast liegend taucht man ein in ein 360° Panorama. Zu Beginn in einem verdreckten Käfig mit Geiern, dann in der Roma-Siedlung Nea Zoi bei Athen. Die Künstlerin hat mit den Bewohnern eine Fassung des Ödipus Stoffes erarbeitet, sie sind die Darsteller und der Betrachter ist mit der VR Technik immer mitten drin. Das Ganze wird von einem Chor aus dem Off kommentiert.
Eine wie ich finde gelungene Erfahrung unter Nutzung der VR Technologie und einer der besten Pavillons der diesjährigen Biennale. Mangels eigener Bilder hier der Link zum Instagram-Account des Griechischen Pavillons.
https://www.instagram.com/greekpavilion2022/

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Claire Tabouret, Miriam Cahn, Marlene Dumas

Miriam Cahn
Claire Tabouret
Marlene Dumas

Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Hinsehen und Nachdenken. Gewalt und Verletzungen. Entblößung und Verletzlichkeit.

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Leicht zu übersehen

Bevor man den Italienischen Pavillon betritt sieht man gr0ße Betonelemente mit transparenten pinkfarbigen Durchlässen aus Glas, die eine Art Tulpe aus Beton bilden und im Wasser schwimmen pinkfarbene Kugeln aus Glas, die an die erinnern, die Fischer zum fixieren ihrer Netze im Wasser benutzen. Zwei wenig Aufmerksamkeit erheischende leise ortsspezifische Arbeiten von Virginia Overton.

Die 1971 geborene amerikanische Künstlerin verwendet in ihren ortsspezifischen Arbeiten häufig vorgefundene Materialien und Fundstücke. Es geht ihr primär um das Kunstobjekt im Hinblick auf seine eigene materielle Individualität am konkreten Ort.
Die Arbeit ist eine Referenz an die venezianischen Straßenlaternen mit ihrem pinkfarbenen Glas.

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Delcy Morelos – Earthly Paradise (2022)

Als Kontrast zu Cabrita Reis eine Installation von Delcy Morelos in den Arsenale. In Earthly Paradise (2022) erhebt sich die Erde über den Boden und Erdmassen umgeben den Körper des Betrachters brutshoch. Das Aroma der Erde mischt sich mit dem Geruch von Heu, Maniokmehl, Kakaopulver und Gewürzen wie Nelken und Zimt. Man fühlt sich an Walter De Marias New York Earth Room (1977) erinnert und doch ist Morelos‘ Verwendung der Erde von der Kosmologie der Anden und Amazonas-Indianer geprägt und vermittelt die Vorstellung, dass die Natur nicht etwas untätiges ist, auf das wir zugreifen und kontrollieren können, sondern dass wir als irdische Wesen werden, leben, sterben und uns wieder zu Erde zersetzen.





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Pedro Cabrita Reis – Field

In der Chiesa di San Fantin gegenüber von La Fenice zeigt Cabrita Reis seine Rauminstallation „Field“, die das ganze Mittelschiff ausfüllt. Jeweils 5 Led-Leuchtröhren (insgesamt 600) sind auf grazile Metalltischen montiert und mit Glasplatten abgedeckt, die wiederum mit Bauschutt (Trümmern) und zufällig geworfenen Kleidungsstücken bedeckt sind. Trümmer, zerborstene Glasplatten und Kleidung bilden eine bizarres Feld.
Cabrita Reis selbst lehnt den Begriff „Installation“ ab, er bezeichnet seine Arbeit als großflächige Skulptur.

„The field… I can imagine the magnificence of a flat zone. I’m not a person that likes mountains. I like the sea, most of all, and I like the desert. S, a field is a flat, endless place, a horizontal territory, a horizontal line which together with the vertical line, the human presence, is in factthe ultimate symbol of the universe.“ (Pedro Cabrita Reis)

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Manchmal einfach nur schön

Im Palazzo Contarini Polignac wird als Nebenprogramm zur Biennale Chun Kwang Young gezeigt. Geschickt durch Licht in Szene gesetzt zeigen sich dem Betrachter großformatige Arbeiten die sich aus dreiseitigen geraden Prismen zusammensetzen, die aus Hanji Papier gefaltet sind und mit einer Schnur zusammengehalten werden. Diese recht trockene Beschreibung wird der gefalteten Überwältigung natürlich nicht gerecht. Die Bilder zeigen es:

Detailaufnahme
Anlässlich einer Ausstellung in Singapur spricht Chun Kwang Young über seine Arbeiten

Und der Palazzo Contarini Polignac bildet mit seinen Räumlichkeiten eine beeindruckende fast dialogische Kulisse für die Arbeiten.

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Wie kommt man nach Zimbabwe

In dem man durch die Vorhölle geht.

Carole A. Feuerman

Um zum Pavillon von Zimbabwe zu gelangen, muss man durch die Ausstellung von Carol Feuermans hyperrealistischen Skulpturen von Badenixen gehen, die ein optisches Ärgernis sind. Verlässt man den Raum dann durch den Hinterausgang findet sich am Gebäude dahinter ein Zettel mit der Aufschrift „Zimbabwe“. Dort finden sich dann Arbeiten von Wallen Mapondera, Ronald Muchatuta, Kresiah Mukwazhi und Terrence Musekiwa.

Wallen Mapondera Takatumwa II (2021)
Kresiah Mukwazhi, Chembere Dzagumhana (2022)
Ronald Muchatuta The Zimbabwean Gaze II
Terrence Musekiwa Mutambin Wemumhepo I

Die Kontraste zwischen Carol Feuerman und den Künstlern aus Zimbabwe könnten nicht größer sein. Und dieser Kontrast bekommt der Ausstellung der Künstler aus Zimbabwe gut, die einfachen Materialien, der konkrete Bezug zur eigenen Herkunft und sublime Umsetzung der den Künstlern wichtigen Themen, wie die Begegnung mit dem Tod bei Wallen Mapondera, patriachale Unterwerfung bei Kresiah Mukwazhi und Schichten von Stereotypen und postkolonialer Konditionierung bei Muchatuta entlarven die banale Kunst der Carol Feuerman als das was es ist, Dekadenz und Marketing.


							
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Von der Peripherie ins Zentrum VII

In der Fondazione ERES, Calle Stretta de Ca‘ Sarasina, 1228 finden wir die ERES Stiftung aus München, die als Collateral Event auf der Biennale Arte 2022 erstmalig vertreten ist.
Unter dem Titel „Medusa Alga Laguna“ zeigt der dänische Konzeptkünstler Tue Greenfort seine Untersuchungen zu den Lebensformen in der venezianischen Lagune.

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Von der Peripherie ins Zentrum VI

Kanada auf der Biennale

Stan Douglas bespielt neben dem kanadischen Pavillon auch einen Raum im Magazzini mit einer zweikanaligen Videoinstallation ISDN.

ISDN
ISDN

Stan Douglas’s Videoinstallation ISDN 2011 ≠ 1848, im Magazzini del Sale No. 5, Teil des kanadischen Pavillons. In einem stillgelegten Salzspeicher aus dem 16. Jahrhundert hängen zwei riesige Bildschirme, auf deren einen britische Grime-Musiker projiziert werden und auf der anderen Mahraganat-Künstler (die Hip-Hop, Electronica und ägyptische Volksmusik verschmelzen). Die beiden Rapper-Gruppen scheinen in einer endlosen Call-and-Response Schleife zu hängen, aber das ist fiktiv, da sie jeweils separat aufgenommen wurden, ohne sich gegenseitig zuzuhören.

Der zweite Teil des kanadischen Beitrags findet in dem Giardini statt.

Tunis, 23 January 2011, from the series 2011 ≠ 1848
Detail aus obigen Bild


Im kanadischen Pavillon sind vier großformatige Fotoarbeiten zu sehen, die auf den ersten Blick wie Reportage aussehen, aber sich bei näherem Hinsehen als Neuinterpretationen der realen Ereignisse erweisen, die 2011 erstellt wurden.

Vancouver, 15 June 2011
und ein Detail aus obigen Bild.

Jedes Detail ist zu sehen und es lässt sich ahnen, wie die Arbeiten letztendlich aus einzelnen genau komponierten Aufnahmen am Computer montiert wurden. Der Titel 2011 ≠ 1848 bezieht die sozialen und politischen Unruhen des Jahres 2011 (Arabischer Frühling, Occupy Wallstreet, Krawalle nach einem Hockeyfinale in Vancouver und Krawalle in London) auf das Jahr 1848, 1848 ist europaweit ein Jahr der bürgerlich-revolutionären Erhebungen gegen die zu dieser Zeit herrschenden Mächte der Restauration und deren politische und soziale Strukturen.

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Von der Peripherie ins Zentrum V

Côte D’Ivoire Pavilion — The Dreams of a Story

Abdoulaye Diarrassouba der unter dem Namen Aboudia aussstellt lebt in New York und Abidjan erinnerte uns sofort an Basquiat. Seine Bilder strahlen die gleiche vibrierende Energie aus und sind von Grafitti und traditionellen afrikanischen Schnitzereien inspiriert. Die agressive Brutalität wird in der hellen Farbigkeit aufgehoben.

In den Arbeiten von Armand Boua verschwimmt die Gewalt, löst sich diffus auf, die Mischung aus Teer und Acrylfarben wird abgekratzt, eingerissen und wirkt, als sollten die Bilder zum Verschwinden gebracht werden.

Aron Demetz ist ein Holzbildhauer aus Südtirol, dessen sich im hintersten Raum dramatisch in Szene gesetzte Skulptur den Abschluss des ivorischen Pavillons bildet. Demetz war schon 2009 im italienischen Pavillon ausgestellt worden.

Am meisten war ich von den fotografischen Arbeiten Laetitia Kys beeindruckt. In ihrem Instagram Account dokumentiert sie ihre Arbeitstechnik in einem kurzen Clip.

Eine haarige Ausdrucksform jede ihrer Haarskulpturen, die neben der je eigenen deutlichen Botschaft immer auch Ermutigung zur Schönheit Schwarzer Ästhetik ist.

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